„Die Ultras waren sauer!“ Vehement trat eine Nürnberger Ordnerin vor der Jugendrichterin in Bad Neustadt an der Saale als Zeugin auf. Zur Bundesligapartie des 1. FC Nürnberg gegen den VfL Wolfsburg am 03.11.2012 sollte sie ihre Wahrnehmungen berichten. „Das war ein ganz wichtiges Spiel für Nürnberg", behauptete sie über das Novemberspiel, „ich glaube eines der letzten drei Spiele in der Saison, da ging es richtig um was.“ Und weil sie so sauer gewesen seien, die Ultras, gäbe es den Plan, den Platz zu stürmen, so die Warnung ihrer Chefin.

Bereits deutlich vor Spielbeginn postierte sich die Ordnerin auf der Aschenbahn vor dem Block 9. Und siehe da: Eine halbe Stunde lang habe sie beobachtet, dass sich mehrere Personen hinter einem Banner auffällig verhielten. Sie hätten sich immer wieder gebückt. Das Banner bewegte sich verdächtig, so die Zeugin. Just in diesem Moment entdeckte sie, dass an anderen Stellen im Absperrzaun zwischen dem Block 9 und dem Stadioninneren einzelne Eisenstäbe fehlen.

Da ging ihr sofort ein Licht auf: „Die Leute sägen am Zaun!“ Sofort schlug sie Alarm: „Wir sind davon ausgegangen, dass etwas passiert“, erklärte sie dem erstaunten Richter. Verdächtige Armbewegungen der beobachteten Personen sprachen ganz klar dafür, dass eine Absprache zum Platzsturm erfolgte, schilderte sie weiter.

So eilte sie zur Polizei. Dort wurde unverzüglich der Bereich abgefilmt. Eine Tathandlung war per Stadionkamera zwar nicht festzustellen, aber einen Verdächtigen erkannte die Ordnerin angeblich sofort. Mit einem Videoprint der Person machte sich ein zivil eingesetzter Beamter schnurstracks auf den Weg in den Block. Circa 120 Minuten beschattete er den vermeintlichen Zaunsäger – ohne eine Tathandlung beobachten zu können. Am Abend dann kurz vor der Zeppelintribüne erfolgte der spektakuläre Zugriff.

In der Hauptverhandlung war sich die Zeugin immer noch sicher, einen Platzsturm verhindert zu haben. Auf Mahnung des Verteidigers, sich bei ihrer Aussage auf eigenes Wissen zu beschränken und keine Phantasiegeschichten zu verbreiten, kam sie erst richtig in Fahrt: „Das war so! Die Ultras sind so. Und sie haben ja dann den Platz auch gestürmt beim Spiel gegen den FC Bayern.“

Die Aussage der Ordnerin hatte ein ausgiebiges Ermittlungsverfahren in Gang gesetzt. Die Betreibergesellschaft stellte Strafantrag und präsentierte eine Rechnung, die die Polizei angeblich ohne inhaltliche Prüfung zur Akte gab. 458,39 Euro sollte das angebliche Feilen am Zaun kosten. Abgerechnet wurde die Reparatur von 60 (!) Stabresten an den „Blöcken 7, 9, 11“. Auch die Staatsanwaltschaft übernahm den Schadensbetrag in ihre Anklage. Dass man schwerlich in drei Blöcken gleichzeitig sägen kann, fiel dabei niemandem auf.

Das Verfahren endete mit einem Freispruch. Auch die Staatsanwaltschaft konnte in einem Bücken hinter einem Transparent keine Straftat erkennen.

Man könnte lachen über den Fall. Lustig ist er aber keineswegs. Es zeigt sich nicht nur, dass hier weiterhin große Defizite bei der richtigen Schulung von Ordnern vorliegen. Sie werden offenbar von Vorgesetzten sogar noch regelrecht „heiß“ gemacht. Insbesondere beruhte die Anzeige auf einer grob unrichtigen „Zeugenvernehmung“, die eiligst um 15.09 Uhr am Spieltag von einer Polizeibeamtin in der Stadionwache geschrieben wurde. Dort soll die Ordnerin nämlich gesagt haben: „Ich konnte beobachten, wie die Person die Gitterstäbe an der Grenze von Block 9 abgesägt hat.“

Auch die Nürnberger Presse war über den angeblichen Zaunsägefall informiert worden. Der Sicherheitsbeauftragte des 1. FC Nürnberg wird dort zitiert, dass der Verein einen Strafantrag wegen Sachbeschädigung gestellt habe. Eine Ordnerin habe nämlich beobachtet, wie ein Fan beim Heimspiel gegen Hoffenheim eine Strebe des Gitterzauns zu entfernen versucht habe.

Die Verhandlung offenbarte nun ein ganz anderes Bild. Zumal Videos und Lichtbilder von vorangegangenen Spieltagen deutlich zeigten, dass im Zaun bereits vor dem Wolfsburgspiel zahlreiche Gitterstäbe fehlten.

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