Am 20.02.2010 herrscht Derbystimmung in Nürnberg: Der 180. Kick des Glubb gegen den FC Bayern München steht auf dem Spielplan. Tagelang Vorberichte in den Medien, Artikel über die spektakulärsten Ereignisse der langen Derbygeschichte, jeder halbwegs glubbgepolte Fan wacht mit erhöhtem Puls auf an diesem Samstagnachmittag.

Auch der Nürnberger Polizei ist die Bedeutung des Spiels bekannt. Vor solchen Spielen finden zahlreiche Einsatzbesprechungen statt: mit Einsatzleitern, Stadt- und Vereinsvertretern, der Deutschen Bahn, Sicherheits- und Fanbeauftragten. Ein überraschendes Ereignis ist ein Derby für niemanden.

Es ist gerade die Polizei, die in der aufgeregten Debatte über angebliche Gewalt von Fussballfans keinen Tag ungenutzt verstreichen lässt zu behaupten, ihre Beamten würden bei Fußballspielen eine Strategie der Deeskalation fahren. Alles werde daran gesetzt, Störungen durch entsprechende Konzepte der Fantrennung zu vermeiden. Was also würde man erwarten beim fränkisch-bayerischen Derbyklassiker? Fantrennung - natürlich.

Wie lautete die Polizeitaktik im Jahr 2010 in Nürnberg? Deeskalation?

Strategisches Vorgehen von Polizeieinheiten, so möchte man meinen, fiel auch vor zwei Jahren nicht in die Rubrik Science Fiction. Doch an diesem Februartag findet etwas statt, was man kaum für möglich hält:

Ausgerechnet bei diesem Derby wird die mit der Bahn angereiste Gruppe Schleckerula München (Name von der RSH geändert) nicht etwa - wie sonst - vom Bahnhof über die U-Bahn zur Messe und von dort zur Südkurve geleitet. Nein: Die Anhänger des in Nürnberg alles andere als beliebten Vereins aus Nordösterreich steigen am S-Bahnhof "Frankenstadion" aus. Genau dort, wo die Glubbfans ankommen. Und nicht nur das. Statt die "Gäste" auf dem südlichen Weg zum Gästeblock zu bringen, steuern sie zielgenau den direkten Weg zur Nürnberger Nordkurve.

Nun weiß auch jeder Nichtpolizist, dass das keine besonders glorreiche Idee ist. War es auch nicht. Als die Münchner an der Nordkurve vorbeizogen, sei es zu Böllerwürfen gekommen, seitens der Nürnberger Fans, zu angeblichen Verletzungen von Polizeibeamten und zu einer Vielzahl von Anzeigen - so die Polizei.

 

Staatsanwalt leitet 54 Ermittlungsverfahren ein

Beim Einleiten von Ermittlungsverfahren verfolgte die Nürnberger Polizei dann wiederum wohl eine klare Strategien: Soviel Anzeigen schreiben, wie es geht. Offenbar wurde jedem, den die Beamten auf Videos "erkannten", eine Straftat unterstellt und später Anklage erhoben. Selbst dann, wenn jemand nur in der Menge der Nürnberger Fans stand, ohne irgendetwas zu tun.

Strategisch, so die Meinung der Polizei, sei angeblich auch die Nürnberger Ultraszene vorgegangen. Nach dem Vorfall unterstellte die Nürnberger Polizei eine konzertierte Aktion der Fans. Die Nürnberger Ultraszene habe sich vor dem Spiel an der Steintribüne gesammelt und sei nicht ins Stadion, sondern vor die Kurve gezogen. In Erwartung der Bayern-Fans? Eine erstaunliche Annahme. Woher sollte die

Szene wissen, dass eine eskalierende Anreise der Münchner Anhänger unmittelbar entlang der Nordkurve geplant war? Die Entscheidung, wo ein Zug hält, hätte die Polizei sehr wohl beeinflussen können, die Nürnberger Szene dagegen sicherlich nicht.

 

Freispruchquote weit überdurchschnittlich

Manch einer fragt sich im Nachhinein, ob es für die Polizeistatistik förderlich war, einen ordentlichen Schwung Anzeigen schreiben zu können. 42 Verfahren landeten bei der RSH (zwölf Verfahren gab es offenbar darüber hinaus). Kurioserweise erfolgten in den RSH-Fällen nur 29 Verurteilungen, hierunter auch auch eine stattliche Anzahl an Strafbefehlen, die nicht mündlich verhandelt werden müssen und oftmals aus rein wirtschaftlichen Erwägungen angenommen werden.

Die Quote von mehr als 30 % Verfahrensbeendigungen ohne Verurteilung weicht eklatant von den üblichen Verurteilungswahrscheinlichkeiten im Strafprozess ab. Während die Freispruchquote normalerweise bei deutlich unter 10 % liegt, war bei den der RSH vorliegenden Anklagen eine Freispruchquote von 21 % festzustellen.

 

Rechtsstaatlich nicht hinnehmbar

Dies zeigt schon, mit welchem Engagement die Ermittlungsbehörden an diesen Vorfall herangingen. Die Tragweite des Ermittlungsaktionismus wird deutlich, wenn man den Fall des Tom Bola (Name von der RSH geändert) betrachtet. Dieser hatte von Anfang an angegeben, bei dem Vorfall nicht anwesend gewesen zu sein. Das hinderte die Nürnberger Polizei nicht  daran, ihn zur Anzeige zu bringen, da sie ihn angeblich als Täter "erkannte". Erst ein teueres Sachverständigengutachten vor Gericht brachte zu Tage, dass der vermeintliche Tom auf dem Video mit großer Wahrscheinlichkeit nicht der wahre Tom war – Freispruch!

Kurios auch die Fälle anderer Freisprüche. Die Staatsanwaltschaft wollte Verurteilungen wegen Landfriedensbruch erreichen auch für Personen, die sich am Max-Morlock-Platz in der Gruppe aufhielten, aus der Gegenstände in Richtung der Polizeibeamten bzw. der vorbeiziehenden Bayernanhänger geflogen sein sollen - auch dann, wenn sie überhaupt nichts getan, sich nicht einmal bewegt, etwas gerufen oder applaudiert hatten. Eine Beteiligung am Landfriedensbruch konnten die Richter darin aber nicht erkennen.

 

Viele Fragen offen

Die RSH hat eine wahre Prozesslawine abgearbeitet und das Derby 2010 abgeschlossen. Offen aber bleibt: Warum hat die Polizei entgegen jedem Erfahrungswert die Münchner Fans an die Nordkurve geführt? Musste eine Statistik durch Straftaten aufgebessert werden? Ist man dankbar für die vielen neuen Einträge in der Datei Gewalttäter Sport? Auch die Freigesprochen bleiben schließlich gespeichert. Sollte das Ganze – nicht unbekannte – Abneigungspotenzial der Nordkurve gegen München zu irgendwelchen politischen Zwecken gebraucht werden?

Eine befriedigende Antwort hierauf wird wohl nie gefunden werden.

 

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